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Dialekt oder Hochdeutsch - das ist hier die Frage

von Dr. Hans-Henning Schmidt

Liebe Freunde der Rhetorik,

wenn Joe Mittermann auf Reisen ging und sein Sachsenland verließ, spürte er häufig, dass er belächelt wurde. Gewiss, er hatte in Sachen Aussprache Fortschritte gemacht. Geblieben war jedoch sein Image als Sachse. Erfahren Sie, wie es sich damit leben lässt.

Ob in Hamburg oder München, in Frankfurt am Main oder in Frankfurt an der Oder, die Geschäfte gingen für Joe Mittermann gut. Er war erfolgreich und konnte darauf stolz sein. Wenn da nur nicht der ewige sächsische Singsang, die breitgezogenen a-, e- und o-Laute und die Verwechslung von B und P, D und T, G und K wären. Daran wurde er stets seiner Heimat zugeordnet.

Doch er fragte sich, ob das nicht gleichermaßen gut ist. Sein Selbstbewusstsein hatte regionale Wurzeln. Der schwäbische Kaufmann oder der fränkische Geschäftsführer verleugnen auch nicht ihre Herkunft, manchmal fast um den Preis des Verstehens. Außerdem bemerkte er in seiner gewohnten Umgebung, dass seine Bemühungen um die Aussprache eines Nachrichten-Sprechers eher auf spöttische Ablehnung seiner Kunden in Bad Düben oder Delitzsch stießen als auf Anerkennung.

Joe Mittermann war also von Zweifeln geplagt, was sein Ziel betraf: Nur noch Hochdeutsch zu sprechen und nichts anderes.

Nur noch wenige wissen ...
Das Ostmitteldeutsche war spätestens im 15. Jahrhundert, befördert vor allem durch Martin Luther, zu einer wesentlichen Grundlage der deutschen Nationalsprache geworden.

Meine Meinung

Ihre Persönlichkeit drückt sich im Sprechen aus.
Stehen Sie zu Ihrer regionalen Herkunft. Kein Dialekt ist besser oder schlechter als der andere.

Das Sprichwort »Jeder soll reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist« hat nur begrenzt Gültigkeit.

Wenn Sie merken, dass Ihr Dialekt im Gespräch störend wirkt, weil Sie nicht verstanden werden, bemühen Sie sich um eine hochdeutsche Aussprache. Ihr Gegenüber wird es Ihnen danken.

In der Regel sprechen Sie nicht Dialekt, sondern Umgangssprache. Damit zeigen Sie Ihre Identität mit der Region.

Versuchen Sie auch in Ihrer Sprechweise den Eindruck von Gemeinsamkeit mit dem Gesprächspartner zu erwecken.

Faust-Regel:
Sprechen Sie situationsangemessen.

Je formeller und offizieller eine Rede- und Gesprächs-Situation und je mehr Ihr Gesprächs-Partner hochdeutsch spricht, um so mehr sollten Sie sich dieser Sprechweise annähern, jedoch nicht gekünstelt.

Je lockerer, vertrauter, familiärer eine solche Situation ist, um so eher können Sie sich in der Umgangssprache bewegen.

Meine Tipps zum Üben

Hier sind einige Übungs-Hinweise - wenn Sie sich
als Sachse auf das Hochdeutsche hinbewegen wollen:

  • Vermeiden Sie bei A - E - I - O - U - Ä - Ö - Ü - AU - EU - EI einen Lippen-Breitzug und nehmen Sie eine Hochrund-Einstellung der Lippen vor.

  • Stellen Sich als Übungs-Material Wörter zusammen, in denen die genannten Selbstlaute vorkommen.

  • Achten Sie darauf, dass Ihr Mund weit geöffnet ist. So entsteht der gewünschte Klang.

  • Das A darf nicht wie O klingen: deshalb den Mund so weit wie möglich öffnen, die Zunge flach in der Mundhöhle liegen lassen mit Zungenspitzen-Kontakt zu den unteren Schneidezähnen.

  • Das E in Beere darf nicht wie in Bären klingen: deshalb ist der Munde nur gering zu öffnen und sind die Lippen leicht breit zu ziehen.

  • Das O darf nicht zum Zwielaut Ou werden. Denken Sie beim Sprechen nur an ein klares rundes O wie in Ofen, Bohne, usw.

  • Um den Unterschied zwischen B und P, D und T, G und K zu erkennen, hilft Folgendes: Halten Sie Ihre Handfläche mit Abstand vor den Mund. Wenn Sie bei P, T, K einen Lufthauch deutlich spüren, haben Sie die richtige Aussprache. Sie können auch mit Ihrem stoßweisen Ausatmen eine Kerze zum Flackern bringen.

Übrigens,
aus »nein« neei, aus »auch« oouch im Sprechen zu machen, ist eher als Schluderei denn als Dialekt anzusehen.

Also bitte:
An zwei Laute denken - beim »Ei« an A und E und beim »Au« an A und O (ja, so ist das).

Natürlich muss so ein Beitrag zum sächsischen Dialekt mit einem passenden Zitat von Lene Voigt beendet werden:

»Rächt hammse, ä gleenes häbbchen mähr Behärrschung gann uns allen beeden nischt schaden. Awer isses nich gud, daßmer ämal uff das Dema gegomm sin?«

In der nächsten Ausgabe knüpfe ich an Redewendungen und Zitate an und zeige ihren Nutzen in Reden und Vorträgen.

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