Online Netzwerk Lernen: Sehr geehrter Herr Goldfuss, im August ist Ihr nunmehr fünftes Buch mit dem Titel »Erfolg durch professionelles Delegieren« in der Karriere-Reihe des Campus Verlag erschienen. Was hat Sie nach Ihrem Bestseller »Endlich Chef - was nun?« dazu veranlasst, ein Buch zum Thema Delegieren zu schreiben?
Jürgen W. Goldfuss: Es gab eigentlich zwei Gründe. Zum einen stellte ich auf meinen Seminaren immer wieder fest, dass auch erfahrene Führungskräfte sich sehr schwer tun mit dem Thema Delegieren. Da spürte ich Aufklärungsbedarf. Zum anderen fragte mich der Campus Verlag, ob ich nicht Lust hätte, einen weiteren erfolgreichen Ratgeber zu schreiben. So kamen zwei Impulse zusammen.
Online Netzwerk Lernen: Wenn ich mir Ihr Buch durchlese, dann komme ich zur Erkenntnis, dass es Ihnen auch um die Aktivierung und Motivation von Führungskräften in unserer Zeit geht. Für welche Zielgruppe haben Sie das Buch konkret geschrieben?
Jürgen W. Goldfuss: Adressiert habe ich das Buch in erster Linie an aktive Führungskräfte, denn dort ist die Hebelwirkung am größten. Ein Chef, der nicht delegiert, wird seine Arbeit kaum effektiv erledigen können - und darunter leidet das gesamte Unternehmen. Ansprechen will ich aber auch die Personen, die eine Führungskarriere planen.
Mit meinem Buch (und etwas gutem Willen) können sie die klassischen Führungsfehler beim Delegieren vermeiden. Die Tatsache, dass zuviel Fleiß ein Karrierehindernis sein kann, ist für Nachwuchsführungskräfte oft eine überraschende Erkenntnis.
Online Netzwerk Lernen: Das Thema Ihres Buches hat sehr direkt mit dem persönlichen Selbstmanagement von Führungskräften zu tun. Was ist die wichtigste Botschaft, die Sie den Lesern dieses Buches mit auf den Weg geben wollen?
Jürgen W. Goldfuss: Es sind einige Botschaften, die gleichwertig neben einander stehen. Vertrauen können, loslassen können, Abstand zur eigenen Tätigkeit gewinnen und Ziele konsequent, aber nicht verbissen, zu verfolgen.
Online Netzwerk Lernen: Heute sind viele Dinge in den Unternehmen wichtig. Warum meinen Sie, ist insbesondere das Thema »Professionelles Delegieren« von so ausschlaggebender Bedeutung?
Jürgen W. Goldfuss: Egal wie sich die konjunkturelle Lage weiterentwickelt, wir werden in Zukunft immer mehr Änderungen im Wirtschaftsleben verzeichnen. Fusionen, Auslagerungen, das Wegbrechen ganzer Branchen werden zur Tagesordnung - und das alles mit einer erhöhten Änderungsgeschwindigkeit. Dadurch wird es für Führungskräfte noch wichtiger, sich mit Strategien zu beschäftigen und das Tagesgeschäft den Mitarbeitern zu überlassen.
Jemand der keine Zeit zum Vor-Denken hat, wird erst dann zum Nach-Denken kommen, wenn Fakten geschaffen sind, wenn Entscheidungen gefallen sind.
Online Netzwerk Lernen: Die vielen Tipps und Checklisten im Buch lassen vermuten, dass Sie viele persönliche Erfahrungen in diesem Buch verarbeitet haben. Vor welchem Erfahrungshintergrund haben Sie in diesem Buch geschrieben?
Jürgen W. Goldfuss: In meiner Beratungstätigkeit erlebe ich immer wieder schmerzhaft, wie hoch bezahlte Führungskräfte sich mit »Kleinkram« beschäftigen - und gleichzeitig jammern, was alles von ihnen zu tun und zu erledigen sei. Beim Hinterfragen, ob nicht einige der Tätigkeiten an Mitarbeiter delegiert werden könnten, erlebe ich die ganze Palette der Ausreden, die ich in meinem Buch aufgeführt habe.
Online Netzwerk Lernen: Wer delegiert macht sich mittelfristig entbehrlich. Zumindest ist diese Denkweise heute im mittleren Management sehr oft noch anzutreffen. Professionelles Delegieren setzt also eine andere Art von Management voraus. Wie kann eine Führungskraft Ihrer Meinung als erstes tun, um zu einem anderen Handeln zu kommen?
Jürgen W. Goldfuss: Sie muss erkennen, dass Job Protektion kontraproduktiv und karriereschädlich ist. Wer nicht dafür sorgt, dass seine Mitarbeiter sich permanent verbessern können, der hat nicht verstanden, was Führung bedeutet. Wer sich an seinen Job klammert und hofft, dort bis zur Rente zu überleben, der hat vielleicht in Behörden und in Verwaltungen noch eine Chance - aber nicht in Bereichen, in denen Erträge erwirtschaftet werden müssen.
Online Netzwerk Lernen: Herr Goldfuss, Sie widmen ein Kapitel Ihres Buches dem Thema Delegationsvertrag. Welche Bedeutung hat für Sie ein Delegationsvertrag und was sollte ein solcher regeln?
Jürgen W. Goldfuss: Ich habe auf diesen Punkt besonderen Wert gelegt, denn in der Praxis wird hier häufig zwischen »Tür und Angel«, quasi auf Zuruf, eine Aufgabe delegiert. Keine Seite weiß eigentlich genau, was sie von der anderen Seite zu erwarten hat. Diese Punkte regelt der Delegationsvertrag. Es wird nämlich exakt beschrieben, was der Auftraggeber als Resultat erwartet und welchen Hilfe der Auftragnehmer rechnen kann. Dadurch werden beide Seiten auch noch einmal gezwungen, über Zeitplan und Bedeutung der Tätigkeit nachzudenken.
Online Netzwerk Lernen: Wenn Sie jungen Führungskräften heute 3 Tipps mit auf den Weg geben könnten, welche 3 Tipps wären das?
Jürgen W. Goldfuss: Ein guter Kommunikator zu sein, als erster Dienstleister für seine Mitarbeiter aufzutreten und sich selbst nicht zu ernst zu nehmen.
Online Netzwerk Lernen: Welches ist die wichtigste Erkenntnis, die Sie persönlich aus dem Buch-Projekt gewonnen haben?
Jürgen W. Goldfuss: Beim Analysieren und Schreiben fällt einem auf, wie »banal« manche vermeintlich großen Probleme tatsächlich sind, wenn man sie aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Außerdem stellte ich (wieder) fest, welche meiner Lieblingstätigkeiten ich selbst ungern delegiere.
Online Netzwerk Lernen: Herr Goldfuss, was ist Ihr persönliches Lieblingsbuch?
Jürgen W. Goldfuss: Ein persönliches Lieblingsbuch habe ich eigentlich nicht. Ich lese derzeit fasziniert die Weltreligionen von Arnulf Zitelmann, weil mir so einige Entwicklungen im »Religionsmarkt« Bedenken bereiten. Beeindruckt hat mich »Die Zeitmaschine« von H.G. Wells und »Das Sandburg Prinzip» von Kenneth Blanchard, Terry Waghorn. Beides Bücher, die zum Nachdenken über heute und morgen anregen.
Online Netzwerk Lernen: Welche WebSite besuchen Sie persönlich regelmäßig sehr gern und aus welchem Grund?
Jürgen W. Goldfuss: Außer der Seite auf der wir uns gerade befinden schaue ich mir gerne MWonline an sowie die Seiten von Spiegel und Focus. Ansonsten gibt es noch ca. 30 weitere Seiten, die ich je nach aktuellem Informationsbedarf regelmäßig betrachte.
Online Netzwerk Lernen: Ein Buch ist ein Kapitel des Lebens, ein Neues ist aufgeschlagen. An welchem Buch-Projekt arbeiten Sie derzeitig?
Jürgen W. Goldfuss: Mein neuestes Projekt beschäftigt sich mit dem Problem von Führungskräften in schwierigen Zeiten. Die Hauptthemen dabei: Umgang mit Personalabbau, Verhalten bei Fusionen und sonstigen Störfaktoren in der beruflichen Karriere.
In Namen der ONL-Leser bedanke ich mich, Herr Goldfuss, sehr herzlich für das interessante Gespräch und die Einblicke hinter die Kulissen Ihrer Autoren-Tätigkeit.
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